Der Nachbar

Kurze Texte

Was für zwischendurch

Der Nachbar

 

Der Nachbar musste weg, und zwar für immer. Wir hielten es nicht mehr aus.

 

Als meine Familie und ich in die neue Wohnung im Bonner Süden zogen, nicht weit weg vom Rhein und mit Blick auf den Drachenfels und die Drachenburg, waren wir alle so zufrieden. Vier Zimmer, Parkettboden, ein modernes Bad und ein toller Balkon, von dem aus man direkt in den Garten kommt. Perfekt. Idyllisch. Meine Familie hatte lange nach einer Wohnung gesucht. Gierige Makler priesen noch die letzten Dreckslöcher als individuell gestaltbare Wohnoasen an und in den „verkehrsgünstigen“ Lagen hast du das Gefühl, dass die B9 direkt durchs Schlafzimmer geht, wie Martina gerne sagt. Diese Wohnung war auf den ersten und auch den zweiten Blick genau das Richtige. Endlich hatten wir Glück gehabt. Dachten wir.

 

Umzüge mag ich nicht, das ist anstrengend, überall stehen Kisten herum, die ausgepackt werden müssen und Möbelteile, die auf ihren Aufbau warten. Das macht mich nervös. Aber die Wohnung erhielt nach und nach ihr neues Gesicht, aus unpersönlichen, leeren Räumen wurden helle, gemütliche Zimmer mit Blick ins Grüne.

 

Martina spielte mit Lisa im Garten, Ralph saß am Computer und ich lag gemütlich auf dem Balkon in der Sonne, als es anfing.

„Ruhe!“ kreischte jemand. Ich schrak aus meinem angenehmen Dämmerschlaf hoch und sprang auf.

„Ruhe!“

Wieso musste jemand so brüllen, wenn er Ruhe wollte? Martina und Lisa sahen sich verschreckt um. Nur Ralph hatte nichts gehört, weil er mit Kopfhörern vor dem PC saß.

Ich lief in den Garten.

„Du Mistkerl!“

Ich drehte mich um. Nichts. Niemand. Die krächzende, schrille Stimme hatte so nah geklungen. Sie musste von dem Balkon über uns kommen. Ich reckte den Hals, aber ich sah nichts.

Heiseres Gelächter.

Wohnte da oben etwa ein widerlicher alter Mann, der sich darüber aufregte, dass Kinder im Garten spielten, der sich nach Friedhofsruhe sehnte und uns mit seinen Beschwerden nerven würde?

„Jakob, sei ruhig“, hörte ich eine Frauenstimme vom Balkon. „Entschuldigen Sie, er meint es nicht so“, rief die Frau dann hinunter in den Garten.

Na ja.

 

Beim Abendessen erzählte Martina Ralph von dem grässlichen Nachbarn.

„Warten wir erst einmal ab. Aber wenn er uns wirklich stört, gehen wir mal rauf und reden mit den Leuten“, sagte Ralph. Typisch Ralph, er ist immer um Ausgleich bemüht und sucht keinen Streit.

 

Leider wurde es nicht besser, sondern schlimmer. Der Nachbar machte uns das Leben schwer und vor allem mir, denn ich bin die meiste Zeit zu Hause. Bei schönem Wetter war er immer draußen und vertrieb mich mit seinem irren Lachen vom Balkon. Wenn er mich im Garten sah, hörte ich ihn erst recht keifen. Er beschimpfte mich und verlangte Ruhe, dabei hatte ich ihm überhaupt nichts getan und war auch nicht laut. Der einzige, der Lärm machte, war er selbst. Ich hasse Lärm. Ich kann es schon nicht leiden, wenn man laut mit mir spricht.

 

Martina ging schließlich nach oben, um sich zu beschweren. Die kleine Lisa sollte nicht ständig diese Schimpfwörter hören. Der Typ hatte ihr mehrmals „dumme Kuh“ nachgeschrien.

 

Die Nachbarn hätten sich entschuldigt und Besserung gelobt, sagte Martina, als sie wieder zurückkam. Es wurde aber nicht besser, im Gegenteil. Das Krakeelen raubte mir den Schlaf und Lisa fing an zu weinen, wenn sie seine Stimme hörte.

 

Ich beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

 

Das Problem war nur, unbemerkt in die Wohnung hinein- und wieder hinauszukommen. Ich hatte keinen Schlüssel und am Balkon hochklettern konnte ich nicht. Dafür hätte ich eine Leiter gebraucht. Daher gab es nur eine Möglichkeit – ich musste darauf hoffen, dass jemand in den Keller oder in die Waschküche ging und die Tür für den kurzen Gang offen und den Alten allein ließ. Dann müsste ich zwar wirklich schnell sein, aber das war ich schon immer.

 

Das Warten stellte meine Geduld auf eine harte Probe. Ich lauerte im Flur unserer Wohnung darauf, ob oben die Tür geöffnet und nicht geschlossen wurde und ob ich Schritte im Treppenhaus hörte.

 

Schließlich war es soweit. Ich hörte die Tür, aber sie fiel nicht ins Schloss. Da waren Schritte auf der Treppe, nach unten, zur Waschküche. Das war meine Chance. Blitzschnell öffnete ich die Wohnungstür, flitzte lautlos ins Treppenhaus, lief nach oben und – ja, die Tür war nur angelehnt. Ich lauschte kurz in die Wohnung. Es war still. Ich orientierte mich leicht, denn das Apartment über uns hat denselben Grundriss wie unseres.

 

Da war der Alte, er saß im Wohnzimmer. Kaum dass er mich sah, fing er schon wieder mit seinen Beschimpfungen an.

„Mistkerl!“, keifte er.

Bevor er flüchten konnte, sprang ich hoch und erwischte ihn am Nacken. Mit einem überraschten Krächzen fiel er von seinem Sitzplatz. Ich warf mich auf ihn. Es ging schnell, aber wie gesagt, Schnelligkeit ist meine Stärke.

 

Ich verschwand genauso lautlos, wie ich gekommen war, aber eine graue Feder nahm ich als Trophäe mit und legte sie im Schlafzimmer vor Martinas und Ralphs Bett. Sie mochten es nicht, wenn ich Mäuse nach Hause brachte, aber über diese Feder freuten sie sich bestimmt.

 

www.tatjanaflade.de